Wenn ich versuche meine Erinnerungen an den Mauerfall zusammenzukramen kommen mir die Bilder von vor Freude weinenden Menschen am Brandenburger Tor in den Sinn, die damals über unseren westdeutschen Bildschirm flimmerten. Ich war noch ein Bub und ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich damals verstanden habe, was das Gesehene bedeutet, aber ich habe wohl verstanden, dass etwas Besonderes passiert. Ich kam nicht mehr vom Fernseher weg. Mir kommt auch mein Opa in den Sinn, der mir im Sommer darauf nach einem Besuch bei Bekannten „drüben“ auf meine Frage, wie lang das wohl dauert bis es ein Deutschland gibt und es „drüben“ so wie bei uns ist, antwortete: 20 Jahre.

Mauerfall

Mauerfall

Nun wohne ich mittlerweile in Berlin und finde es grade ganz erstaunlich, wie selbstverständlich und ohne zu überlegen mein Opa mir damals eine Zeit nannte und ich finde es eben so erstaunlich, wie selbstverständlich ich in meiner westdeutschen Sozialisation davon ausgegangen bin, dass es im ostdeutschen Teil so werden soll wie in dem Teil, in dem ich aufgewachsen bin. Besserwessi eben.

Aber hatte mein Opa Recht? Vielleicht lag er mit 20 Jahren gar nicht so falsch. Trotz nicht enden wollender Diskussionen über die Unterschiede zwischen Ost und West kann man glaub ich mittlerweile von einem Deutschland sprechen, aber nicht einem, dass so ist wie „bei uns“, sondern einem mit vielen Gemeinsamkeiten und vielen Unterschieden; zwischen Nord und Süd, zwischen Hamburgern und Münchnern, Rheinländern und Schwaben und auch zwischen Ost und West. Grade hier in Berlin, wo es die Republik in Miniatur gibt, wo sich neben den „echten“ Berlinern Menschen aus allen Teilen des Landes zusammenfinden, wird das doch deutlich. Es gibt eben viele Unterschiede und auch viele Gemeinsamkeiten.

Bestimmt aber hätte man an dieser einmaligen geschichtlichen Zäsur mehr auf die auf einmal zusammenkommenden Unterschiede, die nun zusammenwachsen sollten, schauen können und mit den Lebensgeschichten die ja ohne Frage in Ost und West unterschiedlich waren stärker als geschehen das Gemeinsame finden und bilden können. Aber für mich bleibt das bestehen, was ich damals vor 20 Jahren wohl auch empfunden habe, das etwas Besonderes passiert ist! Ostschrippe hin, Westampelmännchen her, ich find es einfach toll von meiner Wohnung in Friedrichshain in die Kneipe nach Kreuzberg fahren zu können und von der Warschauer Brücke den schönsten Blick auf unser gemeinsames Berlin haben zu können.

Im Tape, einem feinen und mittlerweile schon nicht mehr wirklich als Geheimtipp zu bezeichnenden Club in der Heidestraße unweit des Hauptbahnhofs, wird nicht nur grandios gefeiert sondern es finden in steter Regelmäßigkeit auch Ausstellungen statt, die einen Besuch mehr als lohnen. Nicht zuletzt, weil auch bei den Ausstellungseröffnungen das Feiern nicht vergessen wird! So geschehen letzten Freitag zur Eröffnung von Tape Modern 12.

Neun Arten von Gelände

Neun Arten von Gelände

Die Gegend rund um den Hamburger Bahnhof ist ja nicht erst seit Gestern bekannt für eine hohe Dichte an Galerien und Ateliers und so findet nun schon  zum zwölften Mal im Tape die Austellungsreihe „Tape Modern“ statt. Kuratiert wird sie von Erik Niedling and Amir Fattal und trägt den Titel „Neun Arten von Gelände“. Die Gruppenausstellung, für die es diesmal Beiträge von 19 Künstlern gibt, findet in Zusammenarbeit mit „Heidestraße Galleries“ und „Halle am Wasser“ statt. Die gezeigten Arbeiten haben dabei keinen thematischen Zusammenhang, sondern zeigen eher den intensiven und unterschiedlichen Zugang der Künstler zu ihrem Terrain, wofür die neun Arten von Gelände im Titel stehen. Von Zeichnungen und dem photographischen Schwerpunkt der Ausstellung werden über Objektkunst und Videokunst auch Installationen mit Happeningcharakter gezeigt.

Doch wer das am Eröffnungstag sehen wollte, musste früh da sein, wobei früh sein bei einer Vernissage im Tape so etwa 22.00 Uhr heißt. Über 1000 Kunstbegeisterte drängten sich zu Spitzenzeiten in der Ausstellungshalle und im Clubbereich. Bis 23.00 Uhr konnte man auch noch umsonst kommen und sich zuerst die Arbeiten ansehen und drüber plaudern um dann das Wochenende tanzend einzuläuten. Eine schöne Art sich nicht nur als Partyelse, sondern auch kulturverständig zu zeigen.