Von Tempelhof reden noch die Nostalgiker, an der Grenze zu Brandenburg wird emsig gearbeitet. Der Flughafen Berlin-Brandenburg-International, kurz BBI, ist eine Baustelle der Superlative.
Mit einer Größe von mehr als 2.000 Fußballfeldern (!), einem Investitionsvolumen von 3,5 Milliarden (!!) Euro und 2.500 Arbeitern ist es Europas größte Flughafenbaustelle und feiert demnächst ein Jubliäum:
Am Pfingstmontag wird nun die Baustelle 1.000 Tage alt. Nicht, dass man bis jetzt auch nur irgendwas davon gesehen hätte, ich war ja selbst letztens dort auf dem Weg nach Stockholm. Doch das liegt vor allem daran, dass hauptsächlich in der Erde gebuddelt wurde. Strom, Leitungen, Wasser, Abwasser, eben so alles, was einen Haufen Arbeit macht und keiner sieht.
Aber langsam geht’s in Schönefeld jetzt richtig los und der BBI, der ja dann bald Berlins einziger Flughafen sein soll, wächst auch in die Höhe. Krasserweise ist der S-Bahnhof bereits fertig, der ist auch ganz tief unter der Erde, sodass man zukünftig nicht mehr den unfreiwilligen Pilgerweg von S-Bahn zum Terminal nehmen muss. 2011 soll’s dann soweit sein und BBI nimmt den Betrieb auf.
Auf der neuen Landebahn sind derzeit allerdings noch Kreuze montiert, damit keiner aus versehen drauf landet…
Groß ist das Gewese um die Zukunft des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Man hört hier in Berlin ständig von der “Bread and Butter”, einer Modemesse, die zweimal im Jahr hier stattfinden soll. Es wird sich gestritten, ob diese Messe für das Terminalgebäude gut ist, denn durch die halbjährliche Besetzung ist es unmöglich, den Bau ganzjährig zu vermieten.
Und da ist da noch das große Flughafengelände. Sage und schreibe 44 mal würde man das Olympiastadion darauf unterbringen können und jetzt wird überlegt, was man damit machen kann.
Der Senat lobt Ideenwettbewerbe aus und die – nicht immer ernst gemeinten – Resultate bescheren den hiesigen Käseblättchen tolle Schlagzeilen wie “Wird Tempelhof jetzt zum Riesenpuff?” Andere wollen einen Berg da haben, The Berg, genauer gesagt. Ein paar hundert Meter soll er hoch sein, die Fangemeinde wächst täglich.
Die Anwohner in den angrenzenden Stadtteilen Kreuzberg, Tempelhof und Neukölln beschäftigt hauptsächlich eine Frage: Wird es zukünftig teurer werden, hier zu wohnen? Und manche erschreckten sich ganz gehörig, als sie vor ein paar Tagen einen Brief mit dem Logo der Wohnungsbaugesellschaft in ihrem Briefkasten fanden, der ihnen sagte: „Hiermit teilen wir Ihnen mit, dass aufgrund der veränderten Situation in Ihrer Umgebung nicht davon abgesehen werden kann, Ihre Miete zu erhöhen“.
Erst wenn man das Schreiben umgedreht hat, sah man, dass eine Interessensgemeinschaft namens “Squat Tempelhof”, bestehend aus linken und autonomen Aktivisten, hier gegen die Pläne der Errichtung von Neubauten auf dem Tempelhofer Feld aufmerksam machen wollte.
Allerdings wohnen gerade in Tempelhof viele Migranten, die den “Scherz” wegen schlechten Deutschkenntnissen vielleicht gar nicht verstanden haben. Die sind jetzt auf jeden Fall mal zumindest verunsichert.
So schön Berlin auch ist, und das ist es jetzt ganz besonders, irgendwann muss man mal raus. Und für mich hieß es auf zu einem Kurzurlaub ins Land von IKEA, ABBA, Saab, Volvo und Absolut Vodka, das schöne Schweden.
Dank Ryanair kam ich von Schönefeld für 10,02 Euro nach Stockholm und wieder zurück. Der Geldbeutel wurde also nicht im geringsten belastet, das CO2-Gewissen dagegen umso mehr. Und Schönefeld liegt ja jetzt in Tarifgebiet C, wie die alten BVG-Füchse entschieden haben.
Dank nur Handgepäck und Online-Check-in latscht man heutzutage also einfach aufs Flughafengate wie auf den Bahnsteig. Der Ryanair-Flieger stank erbärmlich, als ich einstieg, ich weiß nicht, ob das die Luftanlage ist, die vielleicht aus alten Interflug-Maschinen übernommen wurde, oder ob einfach die schlimmen Vollsynthetik-Uniformen der Stewards und Stewardessen dem Stressschweiß nix mehr entgegenzusetzen hatten und einfach vor sich hingammelten.
Denn die armen Herrschaften haben wirklich Stress. Nachdem also das Flugvieh in die Sitzreihengatter getrieben wurde, rollt der Jet schon los und die Choreographie der Sicherheitshinweise geht los. Auf Englisch, Deutsch und Schwedisch. Danach das Verteilen der Bordprospekte. Man kann ja alles da im Flugzeug kaufen, was nicht an Bord ist, wird geliefert. Duschwannen, Plastikvögel für in den Garten, die anfangen zu zwitschern, wenn die Blumenerde zu trocken wird (immer gut für die Nachbarn, wenn man mal 14 Tage ohne zu gießen in Urlaub fährt), wärmende Manschetten aus Merinowolle für die Arthritis gequälten Gelenke, kurzum: alles, was man eben so auf einer Butterfahrt bekommt. Wenn der Prospekt verteilt und das Flugzeug in der Luft ist, geht’s weiter. Getränke verkloppen, Snacks verkloppen. Danach Parfum und Zigaretten und Zeug verkloppen. Dann die Durchsage vom Band vom Ryanair-Chef in extraschrägem Irisch: Jetzt kommt was Tolles, jetzt könnt ihr gewinnen. Man stelle sich das mal in Deutschland vor, eine sächsische Airline sächselt wunderbar über die Lautsprecher, dass man nach der Fettbemme für 3,50 Euro jetzt ein Los kaufen kann. Das muss ja der arme Steward Flugbegleiter auch wieder verkloppen.
Mittlerweile ist die Luft an Bord von der Qualität eines Jugendherbergs-Schlafsaal und ich liebäugele mit ner 3,50 Euro-Cola. Nein, der kriegt nix von mir, der irische Bonze. Lieber dürsten. Und aufs Klo gehen, so lange es nix kostet, das soll sich ja auch bald ändern. Schließlich hat er ja schon allein für den Hinflug 5,01 Euro inklusive Steuern, Kerosin, Flughafengebühr undsoweiter bekommen. Das muss reichen. Dafür sind die Sitzreihen so eng, dass ich die Durchsagen nur schwer verstehe, da meine Knie die Ohren zuhalten.
Ein Glück dauert der Flug nur etwas länger als eine Stunde und schon ist man in Stockholm-Skavsta, ein Flughafen, der noch mal 80 Minuten mit dem Bus von Stockholm weg ist. Flughafen ist gut, zwei Baracken und eine Landebahn, auf der das Flugzeug nach der Landund eine astreine Drei-Phasen-Wendung hinlegt. Da wäre sogar mein fettleibiger Fahrlehrer beeindruckt gewesen. Schnell scheuchen uns die in Polyamid gekleideten Viehtreiber aus der stinkenden Maschine, der Himmel ist blau, die Luft ist warm und die Bäume sind noch nicht grün. Ich begreife: hier ist alles etwas langsamer.
Im Bus nach Stockholm ist die Luft gut und die Sitze geräumig. Aber eigentlich auch verständlich, denn die Busfahrt kostet fast so viel wie der Flug. Ich freue mich auf den Rückflug, ob die Chef-Stewardess diesmal wieder Katarzyna heißt?













