Berlin hatte schon immer eine Sonderstellung. Als West-Berliner Insel umgeben vom Staatsgebiet der DDR und geteilt durch eine Mauer, als jüngste der europäischen Großstädte oder als Stadt, die schon immer eine Zuwanderungsstadt war (heute berichtete die Zeitung, dass Berlin weiter wächst, allerdings nicht, weil mehr Kinder geboren werden, sondern weil der Zuzug ungebremst bleibt).

Etwas ganz Besonderes war es allerdings auch immer im Lehrplan der Schulen, wenn man diesen mit dem Lehrplan der anderen Bundesländer vergleicht. Noch bevor das Grundgesetz 1949 in Kraft trat, legte der Berliner Magistrat 1948 fest, dass der Religionsunterricht freiwillig ist. Alle Kinder haben das Pflichtfach Ethik, wer auch noch Religion will, oder wessen Elternhaus das gerne sieht, der kann Religion als Wahlfach dazunehmen.

Soweit, so außerordentlich gut, sollte man meinen. Denn Berlin lebt ja – wie bereits erwähnt – davon, dass unglaublich viele Menschen neu in die Stadt ziehen. Kreuzberg ist bundesweit ein Synonym für unterschiedlichste Lebensweisen und jeder, der mal dort war, weiß, dass Punks neben gläubigen Muslimen, orthodoxen, koptischen, evangelischen und katholischen Christen sowie Juden, Buddhisten und was es auf der Welt noch so alles gibt, leben. Was wäre also gerade in dieser Zeit naheliegender, als den Kindern all dieser Religionen eine gemeinsame Ethik in der Schule auf den Weg zu geben, statt sie schon im Kindesalter zu trennen und ihnen erstmal beizubringen, was sie alles trennt statt was sie alles verbindet? Ha, wäre doch unsinnig, oder?
Leider sind da die Kirchen anderer Ansicht. Jedenfalls die meisten und vor allem die großen christlichen. Es gibt nämlich jetzt den Verein ProReli, der den verpflichtenden gemeinsamen Ethikunterricht abschaffen möchte. Für mich hört sich das an wie eine Aktion aus den Sechzigerjahren. Aber nein, jetzt und hier in Berlin im 21. Jahrhundert. Also flux jede Menge Unterschriften gesammelt und nun gibt es einen Volksentscheid. Überall Plakate der ProReli, die von “Freiheit” sprechen. Aber diese Freiheit ist doch schon da, man kann doch jederzeit Religion haben, wenn man will! Nein, das geht denen nicht weit genug und ein wenig drängt sich mir die Vermutung auf, dass es einfach um die Bedeutung geht und die religiösen Eiferer Vertreter nicht länger damit leben können, dass Religion “nur” ein Wahlfach ist. Die Kirchen haben noch nie gerne die Macht aus der Hand gegeben.

Doch ein Glück sind auch die Vernünftigen aufgewacht und gründeten einen Verein, der jetzt ProEthik heißt. Und die haben auch Plakate.

Und jetzt hängen in vielen Straßen von Berlin viele Plakate der ProRelis, die für die “Freiheit” plädieren:

ProReli will "Freiheit"
ProReli will “Freiheit”

Und häufig direkt daneben Plakate der ProEthiks, um die Leute auch zum Abstimmen zu bewegen, die keine Änderung wollen, denn die müssen auch gehen:

ProEthik will Gemeinschaft
ProEthik will Gemeinschaft